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Schicksal: Bedeutung, Ursprung und Deutungen im Wandel der Zeit

Schicksal bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch die als unabänderlich empfundene Bestimmung oder den Lauf der Dinge, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen. Der Begriff hat seine Wurzeln im althochdeutschen scickan („senden, fügen“) und wurde schon früh als Ausdruck für eine höhere Macht verstanden, die das Leben des Einzelnen oder den Verlauf der Geschichte lenkt. In Philosophie, Literatur und Recht taucht Schicksal als Deutung für Ereignisse auf, die nicht planbar (erratisch) oder durch Willenskraft veränderbar sind.

I. Was ist Schicksal?

  • Definition: Schicksal beschreibt Ereignisse, die das Leben prägen und als vorherbestimmt empfunden werden.

  • Herkunft: Vom altniederländischen schicksel („das Geschickte“), seit dem 16. Jahrhundert im Deutschen belegt.

  • Synonyme: Bestimmung, Vorsehung, Los, Fatum, Kismet.

  • Verschiedenste Perspektiven:
      • Kulturgeschichte: In Mythen (Moiren, Nornen, Fortuna) und Religionen tief verankert, oft als höhere Macht verstanden.

      • Philosophie: Spannungsfeld zwischen Determinismus und freiem Willen.

      • Psychologie: Ergebnis von Genetik, Prägung und eigenen Entscheidungen.

      • Alltag: Zahlreiche Redewendungen spiegeln das Gefühl von Bestimmung und unerklärlichen Fügungen wider.

II. Schicksal Bedeutung

Unter Schicksal versteht man die Gesamtheit von Ereignissen, die das Leben eines Menschen entscheidend prägen und als vorherbestimmt oder fremdbestimmt empfunden werden. Synonyme wie Bestimmung, Vorsehung, Los, Fatum, Moira, Kismet oder Qisma(t) zeugen von der universellen Kraft dieser Idee.

Der Begriff Schicksal tauchte im 16. Jahrhundert im Deutschen auf und leitet sich vom altniederländischen schicksel ab – sinngemäß „das Geschickte“ oder „das Gesandte“. Ursprünglich meinte er eine Anordnung oder Verfügung, die von außen – von Gott, dem Universum oder einer höheren Macht – an den Menschen „geschickt“ wird. Schon diese Etymologie deutet an, dass Schicksal selten etwas ist, das wir völlig selbst bestimmen. 1

III. Historischer und kultureller Ursprung des Begriffs “Schicksal”

Die Vorstellung von Schicksal ist tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt. Schon in den frühen Mythen Griechenlands und Roms bestimmten Göttinnen wie die Moiren oder Parzen, wann der Lebensfaden eines Menschen gesponnen, verknüpft und durchschnitten wird. Bei den nordischen Völkern übernahmen die Nornen 2 eine ähnliche Funktion – sie standen am Fuße der Weltenesche Yggdrasil und lenkten den Lauf des Lebens.

Auch im Orient ist Schicksal ein zentraler Begriff: Das türkische Kismet oder das arabische Qisma beschreiben eine göttliche Bestimmung, die jeder Seele zugeschrieben wird. Über Kontinente hinweg hat der Gedanke an eine höhere Ordnung, die das individuelle Leben steuert, Kulturen geprägt und Fragen nach Verantwortung, Freiheit und Gerechtigkeit aufgeworfen. 3

Schicksal

Ebenfalls interessant: Was genau unter dem Begriff „manifestieren“ zu verstehen ist, zeigt unser Beitrag: Manifestieren

IV. Schicksal und Religion – Göttlicher Plan oder kosmische Ordnung?

In religiösen Deutungen gilt das Schicksal oft als Ausdruck göttlichen Willens oder göttlicher Vorsehung.

Polytheistische Religionen

In der griechischen Mythologie sind es die Moiren, in der römischen Mythologie die Parzen, die den Lebensfaden spinnen. Fortuna entscheidet über Glück und Unglück; unberechenbar, launisch und jenseits menschlicher Kontrolle.

Monotheistische Religionen

Im Christentum und Judentum wird das Schicksal oft als Teil eines göttlichen Plans verstanden. Besonders prägend ist hier die Lehre von der Prädestination, wie sie Augustinus oder später Martin Luther betonten, also die Vorstellung, dass Gott schon vor der Geburt das Heil oder Verderben des Menschen bestimmt hat.

Islamische Tradition

Das Konzept des Kismet betont eine göttlich vorherbestimmte Ordnung, die dennoch Raum für individuelle Entscheidungen lässt. So gilt das Schicksal zwar als vorgegeben, doch der Mensch trägt Verantwortung für sein Handeln.

Ebenfalls interessant: Unsere Einträge zu Canon Episcopi, historische Analyse und dessen Bedeutung im Kirchenrecht.

Ebenfalls interessant: Bei Interesse an weiteren Weltanschauungssystemen, siehe auch unsere Einträge zum Okkultismus, Pantheismus und Hedonismus.

V. Philosophie des Schicksals – Zwischen Determinismus und freiem Willen

Seit der Antike beschäftigt das Schicksal Philosophen. Schon bei den Stoikern war das Fatum eine unverrückbare kosmische Ordnung, der sich der Mensch fügen sollte, um innere Ruhe zu erlangen. Die Tragödien von Ödipus oder Odysseus erzählen vom vergeblichen Versuch, das Schicksal zu überlisten. Nur um ihm am Ende doch zu verfallen.

Andere Denker wie Aristoteles, später auch Immanuel Kant oder Jean-Paul Sartre, argumentierten, dass das Schicksal nicht alles bestimmt, sondern der Mensch durch Vernunft und Handeln sein Leben formen kann. In der modernen Philosophie tritt an die Stelle des unveränderlichen Schicksals oft der Determinismus, also die Vorstellung, dass jedes Ereignis, auch menschliche Entscheidungen, eine Ursache hat. Doch bleibt ein Restgeheimnis, ein unerklärbarer Spielraum, den viele bis heute Schicksal nennen. 4

VI. Psychologische Perspektive auf Schicksal

In der Psychologie wird Schicksal weniger als göttliche Macht verstanden, sondern als Zusammenspiel innerer und äußerer Faktoren, die unser Leben prägen. Der ungarische Psychoanalytiker Lipot Szondi prägte den Begriff der Schicksalsanalyse. Er wollte verstehen, wie genetische Anlagen, familiäre Muster und unbewusste Entscheidungen die Lebenswege bestimmen – oft stärker, als uns bewusst ist.

Auch moderne Psychotherapien betrachten das Schicksal als eine Art Lebensaufgabe: Nicht das starre Ergeben in vermeintliche Vorherbestimmung, sondern die Chance, Muster zu erkennen, zu durchbrechen und aktiv ein anderes Schicksal zu gestalten.5

Lieber auf der sicheren Seite, jedenfalls im Recht? Hier geht es zu unserem Beitrag zum Präjudiz und Urteil.

VII. Schicksal im Alltag – Lebensgefühl zwischen Zufall und Bestimmung

Im Alltag begegnet uns das Wort Schicksal in zahllosen Wendungen: „seinem Schicksal nicht entkommen“, „das eigene Schicksal in die Hand nehmen“ oder „ein schicksalhafter Augenblick“. Solche Ausdrücke zeigen, wie stark die Vorstellung von Schicksal unser Denken und unsere Sprache durchdringt. Manchmal als Bürde, manchmal als Hoffnung, gelegentlich auch als Erklärung für das an sich Unerklärliche.

Psychologisch ist Schicksal in einem Spannungsverhältnis zum Zufall: Während dieser für ursachenlose Ereignisse steht, vermuten wir beim Schicksal einen verborgenen Zusammenhang. Traditionell unterscheidet man:

  • Verdientes Schicksal, das aus eigenem Handeln erwächst,

  • Unverdientes Schicksal, das ohne eigenes Zutun eintritt, manchmal segensreich, manchmal tragisch.

So bleibt das Schicksal ein facettenreiches Konzept zwischen Unausweichlichkeit und Freiheit, Zufall und tiefer Ordnung.6

VIII. Fazit

Die ewige Faszination des Schicksals

Vielleicht liegt die ungebrochene Faszination des Schicksals darin, dass es die Grenzen zwischen Zufall, Ursache und einer höheren Macht verschwimmen lässt. Es gibt Menschen, die es als starre, unveränderliche Macht empfinden, andere sehen darin eine göttliche Führung, wieder andere ein Rätsel, das selbst mitgeschrieben werden kann.

Quellen:

  1. Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 2. Aufl., Berlin 1993, Stichwort „Schicksal“; Duden: Das Herkunftswörterbuch, 5. Aufl., Mannheim 2014, S. 638 („Schicksal“).
  2. Näheres zu Nornen unter: Norns – Norse Mythology for Smart People https://norse-mythology.org/gods-and-creatures/others/the-norns/norns/
  3. Bremmer, Jan: The Early Greek Concept of the Soul, Princeton 1983; Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 2006, Stichwort „Nornen“; Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen, Bd. 1–3, München 1978 ff.
  4. Cicero: De fato, ca. 44 v. Chr.; Aristoteles: Nikomachische Ethik, v. a. Buch III (Willensfreiheit); Kant, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft, 1788; Free Will (Stanford Encyclopedia of Philosophy) https://plato.stanford.edu/entries/freewill/.
  5. Szondi, Lipot: Schicksalsanalyse, Bd. 1–4, Bern/Stuttgart 1944 ff.; Frankl, Viktor E.: … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 1990.
  6. Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft, Stuttgart 2002, Stichwort „Phraseologismen“.

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