Berufliche Optionen nach dem ersten Staatsexamen

Der Alptraum: Man hat gelernt bis zum Erbrechen, doch trotz erfolgreichem Studium, bestandenem erstem Staatsexamen und absolviertem Referendariat scheitert man am zweiten Staatsexamen.

Manch einer entscheidet sich aber auch bewusst dazu, nach dem ersten Staatsexamen das Referendariat nicht anzutreten und stattdessen von Beginn an einen alternativen juristischen Karriereweg einzuschlagen. Wir haben einige der verfügbaren Optionen und ihre Vorteile aufgeführt.

Zunächst ist eine grundlegende Entscheidung zu treffen: Möchte man den juristischen Weg weiterhin verfolgen oder zieht man eine berufliche Neuorientierung in Betracht? Wer das Gefühl hat, dass das Jurastudium von Anfang an ein Irrweg war und wer vermutlich aufgrund mangelnder Begeisterung und Motivation die Prüfungen nicht bestanden hat, für den wird die Entscheidung, sich zu verabschieden, vermutlich leichter fallen.

Andererseits muss man sich der Realität stellen, dass die vergangenen Jahre, die oft mit viel Aufwand verbunden waren, zumindest teilweise vergeudet sind, wenn man sich nun einem völlig anderen Berufsfeld zuwenden möchte. Juristen mit dem ersten Staatsexamen tragen den Titel “Diplomjurist”, und auch für diese gibt es berufliche Chancen. Die Frage ist, ob man direkt in einen Beruf einsteigen oder zunächst eine Weiterbildung in Betracht ziehen möchte.

Direkter Einstieg ins Berufsleben

Diejenigen, die sich für einen sofortigen Berufseinstieg entscheiden, haben verschiedene Möglichkeiten. Obwohl eine Festanstellung in einer Anwaltskanzlei mit nur einem Staatsexamen nicht völlig ausgeschlossen ist, ist sie eher die Ausnahme. Ein Diplomjurist ist schließlich kein Anwalt. Allerdings bringt er ganz andere Qualifikationen als ein typischer Sekretär oder Rechtsanwaltsfachangestellte mit.

Wegen seiner Ausbildung ist er ideal für Positionen in der “gehobenen Sachbearbeitung” innerhalb einer Kanzlei qualifiziert. Diese umfassen juristische Aufgaben, die Rechtsanwaltsfachangestellte aufgrund mangelnder akademischer Ausbildung nicht durchführen können, für die aber die Zeit des Anwalts zu wertvoll ist. Dies kann Recherche, das Ausfüllen von Formularen oder den Schriftverkehr sowie Telefonie umfassen.

Optionen im Staatsdienst

Insbesondere im höheren Staatsdienst existieren Stellen, die oft mit Diplomjuristen besetzt sind, etwa in Arbeitsagenturen oder bei der Polizei. Ein Nachteil ist jedoch, dass ohne das zweite Staatsexamen die Aufstiegschancen begrenzt sind.

Arbeitsagenturen bieten viele Einsatzbereiche für Diplomjuristen. Absolventen mit dem ersten juristischen Staatsexamen können beispielsweise in den Personalabteilungen größerer Unternehmen und Behörden tätig werden. Sie finden auch Beschäftigung bei Kranken-, Renten- und Sozialversicherungen.

Darüber hinaus eröffnet der öffentliche Dienst Möglichkeiten zur Arbeit in Bundes- oder Landesministerien oder als Referent. Eine politische Karriere kann bei Parlamentariern und Fraktionen angestrebt werden. Hier sind die Erstellung von Rechtsgutachten, Pressemitteilungen und Parlamentsreden Teil des Arbeitsalltags.

Internationale Arbeit als Jurist

Eine mögliche Berufslaufbahn ist die des Juristen im Diplomatischen Dienst, für die nur die erste juristische Staatsprüfung benötigt wird. Zusätzliche Voraussetzungen sind die deutsche Staatsbürgerschaft und das erfolgreiche Bestehen des Auswahlprozesses.

Darüber hinaus sollten Kandidaten bereit sein, weltweit versetzt zu werden, teamfähig und belastbar sein. Die Kenntnis von Englisch und Französisch (alternativ Chinesisch, Russisch, Arabisch oder Spanisch) ist ebenfalls erwünscht.

Die Arbeit findet in deutschen Vertretungen im Ausland oder in der Hauptverwaltung in Berlin statt und konzentriert sich hauptsächlich auf die Pflege der auswärtigen Beziehungen und konsularische Aufgaben. Dieser Beruf ist besonders vielseitig und abwechslungsreich. Weitere Informationen sind auf der Website des Auswärtigen Amtes verfügbar.

Eine interessante Perspektive bietet die Arbeit als Jurist in einer supranationalen Organisation wie den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union. Für diese Positionen reicht das erste Staatsexamen aus, ein LL.M. ist oft bei der Einstellung vorteilhaft. Die Arbeit findet hauptsächlich in der Verwaltung statt und umfasst auch andere juristische Aufgaben (oft in einem bestimmten Rechtsbereich) oder Beratungstätigkeiten bei verschiedenen Organen oder Organisationen. Weitere Informationen sind auf der Website der Europäischen Union zu finden.

Bewerber sollten auch in diesem Bereich entsprechende Sprachkenntnisse (zumindest Englisch, jede zusätzliche Sprache ist ein Pluspunkt) sowie Auslandserfahrung und Toleranz gegenüber fremden Ländern und Kulturen mitbringen.

Alternativen

Juristen finden ebenfalls eine Fülle von Möglichkeiten in der Wirtschaft. Versicherungen, Wirtschaftsprüfungsfirmen, Unternehmensberatungen und juristische Abteilungen sind oft auf der Suche nach juristischen Fachkräften. Viele Firmen zeigen Interesse an Diplomjuristen, da Jurastudenten dazu ausgebildet werden, Sachverhalte analytisch zu bearbeiten, eine Fähigkeit, die Arbeitgeber einzusetzen wissen.

Eine Option in diesem Sektor könnte beispielsweise die Arbeit in einer Personalabteilung sein. Kommunikationsfähigkeit, Durchsetzungskraft, Konfliktfähigkeit, Empathie und Interesse an verschiedenen Disziplinen sind in dieser Position gefragt. Die Arbeit umfasst hauptsächlich das Führen von Bewerbungsgesprächen, die Einstellung und Betreuung von Mitarbeitern.

Eine weitere Möglichkeit ist die Rolle des gesetzlichen Betreuers, in der man gemäß §§ 1896ff. BGB als gesetzlicher Vertreter für Erwachsene fungiert, die ihre Angelegenheiten nicht oder nur teilweise selbst regeln können. Neben dem ersten Staatsexamen ist eine Ernennung durch das Betreuungsgericht nach vorheriger Eignungsprüfung erforderlich. Wer an einer pädagogischen Tätigkeit interessiert ist, könnte an einer Berufsschule eine geeignete Stelle finden. Aufgrund des akuten Lehrermangels werden Juristen als Lehrer für Rechtsanwaltsfachangestellte oder Notarfachangestellte gesucht.

Fortbildung

Für alle, die an beruflicher Weiterbildung interessiert sind, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Einerseits kann man ein Bachelor- oder Masterstudium an einer Fachhochschule beginnen, das auf spezifische Rechtsbereiche ausgerichtet ist. Jurastudenten haben oft bereits viele anrechenbare Leistungen erbracht, was die Studiendauer verkürzt und dennoch einen akademischen juristischen Abschluss ermöglicht.

Als andere Option könnte ein Auslandsstudium sein, wie zum Beispiel der LL.M., der auf dem ersten Staatsexamen aufbaut. Wer sich bereits gegen eine weitere universitäre Laufbahn entschieden hat, könnte eine Ausbildung in verwandten Berufen in Betracht ziehen, wie beispielsweise Steuerberater, Rechtsanwaltsassistent oder in der staatlichen Rechtspflege. Für Letzteres ist jedoch wieder ein Studium erforderlich und die Plätze sind sehr begehrt.

Um als Steuerberater tätig zu werden, benötigt man neben dem ersten Staatsexamen noch eine mindestens dreijährige Tätigkeit im Steuerwesen. Zudem müssen ein Lehrgang und eine abschließende Prüfung zum Steuerberater absolviert werden.

Arbeit und Studium in Symbiose

In der Wirtschaft besteht oftmals die Möglichkeit, bei guter Arbeitsleistung nebenberuflich ein Studium zu absolvieren, wobei die Kosten häufig vom Arbeitgeber getragen werden. Dieser Weg kann jedoch oft anspruchsvoll sein und erfordert viel Selbstdisziplin.

Eine Berufsoption könnte die Arbeit als Jurist in Wirtschaftsverbänden und -organisationen sein. Dafür genügt das erste Staatsexamen, wobei auch eine zusätzliche zweijährige Ausbildung durch die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) in Betracht kommt. Vertiefte Kenntnisse in Wirtschafts- und Steuerrecht sowie Betriebs- und Sozialrecht sind vorteilhaft. Die Arbeit findet in der Rechtsabteilung oder der Geschäftsleitung statt und beinhaltet Beratung, Organisation und Verwaltung.

Eine weitere Option ist die Rolle eines Mediators. Hierfür genügt ebenfalls das erste Staatsexamen, allerdings ist oft eine zusätzliche Weiterbildung oder entsprechende Qualifikation erforderlich. Als Mediator hilft man Parteien, außergerichtliche Lösungen für Konflikte zu finden, die sowohl aus dem privaten als auch aus dem wirtschaftlichen Bereich stammen können.

Ein Beruf, der dem des Mediators sehr ähnlich ist, ist der des Ombudsmannes. Es handelt sich hierbei um eine unabhängige und unparteiische Stelle, die darauf abzielt, Streitigkeiten zu schlichten. Ombudsmänner werden von Städten oder Stadtverwaltungen eingestellt und sollen Unstimmigkeiten zwischen Bürgern und der Verwaltung lösen. Dieser Beruf findet jedoch nicht nur in der Verwaltung Anwendung, sondern beispielsweise auch in Versicherungsfällen.

Kein Weltuntergang

Es gibt viele Berufsmöglichkeiten für Juristen ohne zweites Staatsexamen. Allerdings besteht erhöhte Konkurrenz, da sie oft in Bereichen tätig sind, in denen sich auch viele Geistes- und Sozialwissenschaftler bewerben. In vielen Berufsfeldern stehen sie zudem in Konkurrenz zu Bewerbern, die durch eine Ausbildung ähnliche Qualifikationen erworben haben.

Ein Scheitern im zweiten Staatsexamen gleicht zwar grundsätzlich einer Grenzerfahrung, aber läutet bei weitem nicht das Ende einer Karriere im juristischen Bereich ein. Betroffene sollten sich neu sortieren und bereit zu sein, eventuelle Umwege in Kauf zu nehmen.