Telefonische Krankschreibung 2026: Rechte und aktuelle Streitpunkte

Die telefonische Krankschreibung war einst ein pandemiebedingtes Provisorium – heute ist sie ein fester Bestandteil des Gesundheitssystems.

Was während der Corona-Krise begann, wurde im Dezember 2023 dauerhaft in die Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie des G-BA übernommen, gestützt auf das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG).

Doch während Beschäftigte und Arztpraxen die Entlastung schätzen – keine vollen Wartezimmer, weniger Infektionsgefahr –, entzündet sich eine Debatte: Zwischen dem Versprechen von Bürokratieabbau und Infektionsschutz auf der einen Seite und dem Vorwurf des Missbrauchs auf der anderen.

Telefonische Krankschreibung

I. Das Wichtigste in Kürze

Rechtsgrundlage & Kontext (2025):
Dauerhafte Option seit den G-BA-Beschlüssen im Zuge des ALBVVG; bewährt seit der Corona-Zeit – gilt bundesweit weiter.

Voraussetzungen:
1. Es muss sich um eine leichte Erkrankung handeln, wie etwa Erkältungen, Margen-Darm, oder Migräne.
2. Patient:in muss bekannt in der Praxis sein.
3. Die Krankschreibung darf nicht von einem “fremden Arzt” ausgestellt werden.

Telefonische Krankschreibung: Wie lange?
Maximal fünf Kalendertage.

Kinder:
Eine telefonische Krankschreibung für die Betreuung von erkranken Kindern ist für bis zu 5 Tage ist möglich.

Elektronische Übermittlung: 
Seit 2023 erfolgt die Übermittlung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung elektronisch (sog. eAU). Die Praxis leitet die eAU sofort an die Krankenkasse weiter.

II. Telefonische Krankschreibung: Ablauf bis Kinderkrankengeld

Die telefonische Krankschreibung erleichtert den Umgang mit leichten Erkrankungen und entlastet zugleich Arztpraxen. Doch wer darf sie nutzen, welche Grenzen setzt das Gesetz und welche Sonderregeln gelten für Eltern? Die folgenden Abschnitte geben einen kompakten Überblick.

1. Wie funktioniert die telefonische Krankschreibung?

Patient:innen mit leichten Beschwerden – sei es ein grippaler Infekt, eine Magen-Darm-Erkrankung oder akuter Durchfall – können ihre Arbeitsunfähigkeit am Telefon bescheinigen lassen. Ärztinnen und Ärzte führen eine Anamnese durch und entscheiden, ob dies genügt oder ob ein persönlicher Besuch bzw. eine Videosprechstunde erforderlich ist.

Eine telefonische Krankschreibung von einem “fremdem” Arzt ist ausgeschlossen, sie ist nur Patient:innen vorbehalten, die der Praxis bereits bekannt sind.

2. Telefonische Krankschreibung: Wie lange?

Grundsätzlich kann eine telefonische Krankschreibung nur für fünf Kalendertage ausgestellt werde. Eine Folgebescheinigung wird im Regelfall erst nach einem persönlichen Praxisbesuch ausgestellt, eine telefonische Verlängerung kommt nur in Betracht, wenn die Erstbescheinigung zuvor persönlich erteilt wurde.

Wer eine Videosprechstunde nutzt, kann bis zu sieben Tage krankgeschrieben werden.

Eine Krankschreibung rückwirkend auszustellen ist nur ausnahmsweise innerhalb von drei Tagen möglich, sofern die Erkrankung bereits erkennbar war und das spätere Erscheinen plausibel begründet wird (vgl. § 5 III EntgFG).

3. Telefonische Krankschreibung – Wenn das Kind krank ist

Auch für Kinder ist die telefonische Krankschreibung bei leichten Beschwerden möglich, sofern die ärztliche Vertretbarkeit gegeben und das Kind in der Praxis bekannt ist. Maßgeblich ist zudem, dass das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet wurde.

Die entsprechenden Regelungen wurden am 18. Dezember 2023 aus der Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie auf die ärztliche Bescheinigung für den Bezug von Kinderkrankengeld übertragen, sodass nun der Anspruch auf Kinderkrankengeld nach § 45 SGB V gesichert ist, das in der Regel 90 Prozent des ausgefallenen Nettoarbeitsentgelts ersetzt.

Eltern haben seit dem Jahr 2024 außerdem einen erweiterten Anspruch auf 15 Kinderkrankentage pro Kind und Elternteil.

III. Gesellschaftliche und arbeitsrechtliche Debatten

Kaum eine Regelung im Gesundheitswesen polarisiert derzeit so stark wie die telefonische Krankschreibung. Während viele sie als zeitgemäße Antwort auf volle Wartezimmer und steigende Infektionsrisiken begreifen,  sehen Arbeitgeberverbände darin ein Einfallstor für Missbrauch.

Der damalige Bundesfinanzminister Christian Lindner sprach öffentlich von einer „Korrelation zwischen jährlichem Krankenstand und der Einführung dieser Maßnahme“. 1

Futter für diese Kritik liefern Zahlen:

Telefonische Krankschreibung

Laut einer YouGov/Statista-Umfrage mit über 2.000 Teilnehmenden gaben 27 Prozent der Nutzer:innen an, die telefonische Krankschreibung bereits zum „krankfeiern“ genutzt zu haben. Auffällig: Männer (36 Prozent) räumten dies häufiger ein als Frauen (19 Prozent). Arbeitnehmer:innen im Alter von 18-29 Jahren hierbei zu 45 Prozent, Beschäftigte ab 50 Jahren lediglich zu 13 Prozent. 2.

Statistisch lässt sich der Trend belegen: Beschäftigte fehlten im Jahr 2021 im Schnitt 11,2 Tage pro Jahr  – 2024 stieg die Zahl  auf 14,8 Tage an. 3.

Doch ist die Telefonische Krankschreibung wirklich die Ursache?

Krankfeiern per Telefonkrankschreibung
Anteil nach Geschlecht (in %)
Krankfeiern per Telefonkrankschreibung
Anteil nach Altersgruppen (in %)
Durchschnittliche Krankheitstage pro Jahr
Skala 0–20 Tage pro Beschäftigtem

1. Warum Ärzt:innen die Telefonische Krankschreibung verteidigen

Telefonische Krankschreibung

Ärzteverbände wie der Hausärzteverband und die Bundesärztekammer widersprechen vehement. Nicola Buhlinger-Göpfarth nennt die Telefon-AUeine der ganz wenigen erfolgreichen politischen Maßnahmen zur Entbürokratisierung des Gesundheitswesens – ihre Abschaffung wäre „schlichtweg absurd“4.

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, hält fest: Wer jeden mit banalen Infekten – von Erkältung bis Magen-Darm – persönlich in die Praxis zwinge, „überfordert das System und erhöht das Infektionsrisiko“5.

Auch der Barmer-Gesundheitsreport verweist darauf, dass die Ursachen für den hohen Krankenstand nicht primär bei der telefonischen Krankschreibung liegen, sondern die Zunahme der psychischen Erkrankungen einen signifikanten Bestandteil der Arbeitsunfähigkeit begründen. 6.

Die  Studien des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bestätigen dies. Sie sehen die Ursachen der steigenden Krankentage nicht primär in der Telefon-AU, sondern erweitern die Betrachtung insbesondere auf die Einführung der eAU (die Krankmeldungen erstmals lückenlos erfasst) betonen sonst aber auch den Anstieg von Infektionskrankheiten und psychischen Erkrankungen. 7. Hausärzteverbandschef Markus Beier warnt deshalb vor einer „Misstrauenskultur“: Missbrauch gebe es auch bei persönlichen Besuchen – entscheidend seien die wachsenden Belastungen im Arbeitsleben8.

Damit zeigt sich: Hinter der Diskussion um die telefonische Krankschreibung steckt eine Grundsatzfrage.

Geht es wirklich um den Missbrauch einiger weniger – oder darum, ob das deutsche Gesundheitssystem den Beschäftigten mehr Eigenverantwortung zutraut?

Ebenfalls interessant:
Alles Wichtige rund um die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung – vom früheren „Gelben Schein“ über aktuelle Nachweispflichten bis hin zur elektronischen Übermittlung. Mehr dazu finden Sie in unserem Beitrag zum Thema Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.

2. Warum Arbeitgeber:innen die Telefonische Krankschreibung kritisieren

Arbeitgeberverbände wiederum sehen das anders. Für BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter ist die Telefon-AU ein Einfallstor für „ungerechtfertigte Praktiken von digitalen Geschäftemachern“9.

FDP-Politikerin Kristine Lütke sprach sogar von der „Bettkantenentscheidung“: Menschen könnten sich morgens bewusst für den Anruf beim Arzt und gegen den Weg ins Büro entscheiden10.

Hinzu kommt aus Sicht der Kritiker ein gesellschaftliches Signalproblem: Wer weiß, dass er ohne persönliche Untersuchung oder auch nur Video-Kontakt krankgeschrieben werden kann, könnte die Hemmschwelle zum „Krankfeiern“ weiter senken. In Zeiten hoher Arbeitsbelastung oder geringer Motivation sei das Risiko groß, dass die Telefon-AU zu einem bequemen Ausweg werde – zulasten der Kolleg:innen, die die Arbeit auffangen müssen.

Telefonische Krankschreibung

Auch wirtschaftliche Folgen werden ins Feld geführt: Steigende Krankentage bedeuten nicht nur Kosten für Unternehmen, sondern auch Produktionsausfälle, die die ohnehin geschwächte deutsche Konjunktur zusätzlich belasten.

Finanzminister Lindner betonte deshalb, dass eine steigende Zahl an Fehltagen ein Standortrisiko darstelle, wenn das System zu großzügig genutzt werde11.

Arbeitsrechtlich sehen Kritiker außerdem eine Ungleichbehandlung: Während Privatversicherte oder Beihilfeberechtigte ihre Krankmeldung weiterhin in Papierform vorlegen müssen, profitieren gesetzlich Versicherte von der vereinfachten Telefon-AU. Das führe zu Rechtsunsicherheit im Umgang mit unterschiedlichen Krankmeldungen und könne Arbeitgeber zusätzlich verunsichern.

Ebenfalls interessant:
Alles Wissenswerte rund um die Arbeitsunfähigkeit in Deutschland – von den gesetzlichen Grundlagen über die Rechte von Arbeitnehmer:innen im Krankheitsfall bis hin zu den Pflichten gegenüber Arbeitgeber und Krankenkasse, die im Alltag oft unterschätzt werden. Mehr dazu finden Sie in unserem Beitrag zum Thema Arbeitsunfähigkeit.

IV. Fazit: Vertrauen statt Rückschritt

Die telefonische Krankschreibung ist kein Freifahrtschein, sondern eine klar geregelte Möglichkeit im Gesundheitssystem ärztliche Fürsorge ohne Umwege zu ermöglichen, unter Berücksichtigung der Realität moderner Arbeits- und Familienleben. Wer krank ist, stößt nicht auf Hürden, sondern auf einen verlässlichen Ablauf.

Die Kritik am gestiegenen Krankenstand greift zu kurz. Mit der eAU werden Krankmeldungen vollständig und digital erfasst, weshalb höhere Zahlen vor allem Datentransparenz und die Zunahme von Atemwegs– sowie psychischen Erkrankungen widerspiegeln. Sie als unmissverständlichen Beweis für Missbrauch auszulegen erscheint kurzgedacht und würdigt die Einschätzung medizinischer Experten herab.

Spürbar ist zudem auch der gesundheitliche Nutzen. Die Telefon-AU schützt vor Ansteckungen in Wartezimmern bei leichten Infekten wie Erkältungen, Magen-Darm oder akutem Durchfall. Sie entlastet Ärzt:innen ebenso wie Patient:innen, vermeidet unnötige Wege, reduziert Wartezeiten und stabilisiert die Versorgung dort, wo sie gebraucht wird.

Unterm Strich steht die telefonische Krankschreibung für rechtliche Präzision und soziale Absicherung. Sie unterstützt Prävention zwar auf Kosten der Präsenz, fördert dadurch aber gesellschaftliche Rücksicht statt Risikoverhalten.

Ein Rückschritt zur Pflicht im Wartezimmer wäre weder medizinisch sinnvoll noch gesellschaftlich zeitgemäß. Die telefonische Krankschreibung steht für eine Arbeitskultur, die Gesundheit nicht gegen Produktivität ausspielt.

Kurz gesagt: Die telefonische Krankschreibung ist die vernünftigere, humanere und effizientere Wahl – wer sie zurückdrehen will, setzt Symbolpolitik über Gesundheit und Realität.

Ebenfalls interessant: 
Warum Ihr echter Lohn pro Stunde zählt – und wie Sie ihn rechtssicher berechnen. Jetzt unseren Beitrag zum Thema Stundenlohnrechner lesen und herausfinden wie viel Monatslohn Ihnen zusteht!

Quellen:

  1. vgl. Telefonische Krankschreibung schuld? Warum der Krankenstand so hoch ist – Wirtschaft – SZ.de https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/telefonische-krankschreibung-hausaerzte-kritik-arbeitgeber-lux.277DUEfjtAZvvokastprbQ?utm_source=chatgpt.com
  2. Marlies Karsch in Gedanken zum Blaumachen – die telefonische Krankschreibung – DEXIMED – Deutsche Experteninformation Medizin https://deximed.de/home/praxiswissen/thema-der-woche-archiv/2024-w39; Umfrage abrufbar unter: Gut jeder vierte Nutzer telefonischer Krankschreibungen hat schon einmal krankgefeiert | YouGov https://yougov.de/health/articles/50096-gut-jeder-vierte-nutzer-telefonischer-krankschreibungen-hat-schon-einmal-krankgefeiert
  3. Statistisches Bundesamt (Destatis), durchschnittlicher Krankenstand abrufbar unter: Krankenstand – Statistisches Bundesamt https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-2/krankenstand.html  
  4. Buhlinger-Göpfarth, Rheinische Post, 28.10.2024. Ebenfalls auffindbar in: Nach Kritik von Arbeitgebern: Ärzte verteidigen telefonische Krankschreibung | tagesschau.de https://www.tagesschau.de/wirtschaft/hausaerzte-krankschreibung-102.html
  5. Reinhardt im BR, 28.10.2024. Ebenfalls auffindbar in: Nach Kritik von Arbeitgebern: Ärzte verteidigen telefonische Krankschreibung | tagesschau.de https://www.tagesschau.de/wirtschaft/hausaerzte-krankschreibung-102.html
  6. Barmer Gesundheitsreport 2023, abrufbar über BARMER Gesundheitsreport 2023 https://www.bifg.de/publikationen/reporte/gesundheitsreport-2023
  7. ZEW-Studie 2024, abrufbar unter: ZEWpolicybrief // Nr.18 | OKTOBER 2024 https://ftp.zew.de/pub/zew-docs/policybrief/de/pb18-24.pdf
  8. Beier, moma-Duell, 14.11.2024. Abrufbar unter: Debatte: Krankschreibung via Telefon abschaffen oder nicht? https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/krankschreibung-telefon-streitgespraech-arzt-fdp-100.html
  9. Kampeter, BDA, Rheinische Post, 28.10.2024. Ebenfalls abrufbar unter: Nach Kritik von Arbeitgebern: Ärzte verteidigen telefonische Krankschreibung | tagesschau.de https://www.tagesschau.de/wirtschaft/hausaerzte-krankschreibung-102.html
  10. Lütke, FDP, moma-Duell, 14.11.2024.Abrufbar unter: Debatte: Krankschreibung via Telefon abschaffen oder nicht? https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/krankschreibung-telefon-streitgespraech-arzt-fdp-100.html
  11. Lindner, BR24, 31.10.2024.
Andere Themen
Greta Schmid

Jurawelt Redaktion

Greta Schmid
  • Studentin der Rechtswissenschaften an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht
  • Schwerpunktbereich: Recht der Digitalisierung
  • Auslandsaufenthalt am Chicago-Kent College of Law (USA)

Jurawelt:

  • Redakteurin & Studentische Mitarbeiterin
2 Kommentare
  • Antworten
    Januar 5, 2026, 8:00 a.m.

    Heutzutage will auch niemand mehr richtig arbeiten. Per Telefon krankmelden? Das ist ja ein Luxus das gab’s früher nicht

    • Januar 8, 2026, 1:55 p.m.

      Was daran Luxus sein soll, krank zu sein, erschließt sich nicht.
      Es geht nur um die vereinfachte Abwicklung der vorgeschriebenen Meldung beim Arbeitgeber.
      Pauschale Vorurteile zu posten, trägt nicht zum sachlichen Austausch bei.

Schreibe einen Kommentar
Hinweis: Wir begrüßen eine offene und sachliche Diskussion mit jeder Meinung. Beleidigungen, Verunglimpfungen, rassistische oder diskriminierende Äußerungen werden jedoch nicht toleriert und gegebenenfalls ohne Ausnahme zur Anzeige gebracht. Bitte beachten Sie außerdem, dass unsere Autoren oder Mitarbeiter in den Kommentaren keine Rechtsberatung leisten dürfen und werden.
Jetzt Kommentieren