Überblick:
- Begriff und
Funktion
- Erwerb und Verlust des
Besitzes
- Besitzschutz
I. Begriff und Funktion
1. Begriff
Besitz ist die von einem Herrschaftswillen getragene,
tatsächliche Gewalt über eine Sache. Ob tatsächliche Gewalt
vorliegt, entscheidet sich nach den Umständen des Einzelfalls und der
Verkehrsauffassung. Bei der erstmaligen Begründung des Besitzes sind hier
strengere Anforderungen zu stellen als bei seiner Fortdauer bzw. bei seinem
Verlust. Kennzeichnend für den Besitz sind eine gewisse Dauer und
Festigkeit, eine räumliche Beziehung und ein Besitzwille (als subjektives
Merkmal, das auch ein nicht Geschäftsfähiger erfüllen kann, arg.
§§867). Nicht erforderlich hingegen ist ein Recht zum Besitz. Besitzer
können daher der Eigentümer, der Entleiher, der Dieb, das Kind etc.
sein.
2. Funktion
Die §§§854 ff. haben eine Doppelfunktion:
zum einen eine konservierende Funktion (Schutz des Besitzers vor
eigenmächtigen Übergriffen, Unterdrückung des Faustrechts,
Friedenssicherung), zum anderen eine definierende Funktion (Definition der
verschiedenen Spielarten des Besitzes). Man unterscheidet nach den verschiedenen
Arten des Besitzes:
- nach der Nähe zur Sache:
unmittelbarer Besitz
Ö mittelbarer
Besitz
- nach der Zahl der Besitzenden:
Alleinbesitz Ö
Mitbesitz
- nach der Willensrichtung des
Besitzers: Eigenbesitz
Ö
Fremdbesitz
3. Unmittelbarer Besitz (§§§854 - 856)
- Begriff
Der
unmittelbare Besitz an einer Sache wird durch die Erlangung der
tatsächlichen Gewalt über die Sache erworben (§§854 Abs.1,
s.o.). Unmittelbarer Besitz ist auch gegeben, wenn der Eigentümer nur
theoretischen Zugriff auf frei zugängliche Sachen hat (z.B. abgestelltes
Auto). Ausreichend ist insofern ein genereller Besitzwille (vgl. BGHZ 101, 186,
wo ein Besitzwille eines Supermarktes an fremden Sachen, die unter einem Regal
liegen, bejaht wurde). Die tatsächliche Sachherrschaft geht auch nicht
dadurch verloren, daß sie vorübergehend nicht ausgeübt werden
kann (z.B. Sachen in der Wohnung oder in einem Koffer)
- Besitzdienerschaft
(§§855) Besitzdienerschaft ist
die tatsächliche Sachherrschaft im Rahmen eines Weisungsverhältnisses.
Unmittelbarer Besitzer bleibt derjenige, der Weisungen erteilt (außerhalb
eines Weisungsverhältnisses sind die allgemeinen Regeln anzuwenden).
Voraussetzung für eine Besitzdienerschaft ist ein soziales
Abhängigkeitsverhältnis des Besitzdieners mit Weisungsgebundenheit
bezüglich der Sache. Beispiele für Besitzdiener sind Arbeitnehmer,
Angestellte, Beamte, Verwandte (z.B. Kinder, Geschwister, nicht jedoch
Eheleute). Da der Besitzdiener auch nicht unmittelbarer Besitzer ist, bedeutet
eine unberechtigte Weggabe der Sache durch den Besitzdiener auch ein
Abhandenkommen iSv. §§§935, 1007 Abs.2
4. Mittelbarer Besitz (§§§868-871)
Mittelbarer Besitz ist eine tatsächliche Beziehung
zwischen einer Person und einer Sache, wobei diese Person zum Besitz der Sache
aufgrund einer Rechtsbeziehung (sog. Besitzmittlungsverhältnis) mit dem
unmittelbaren Besitzer (sog. Besitzmittler) berechtigt ist (§§868).
Beispiele für eine solche Rechtsbeziehung sind Miete, Pacht, Verwahrung,
Sicherungsabrede, Kauf unter Eigentumsvorbehalt; Besitzmittler sind in diesen
Beispielen der Mieter, Pächter, Verwahrer, Sicherungsgeber,
Vorbehaltskäufer.
Voraussetzung für den mittelbaren Besitz ist das
Bestehen eines Besitzmittlungsverhältnisses. Was im einzelnen darunter zu
verstehen ist, ist umstritten. Nach der gängigen Definition versteht man
aber unter einem Besitzmittlungsverhältnis ein konkret bestimmtes, zeitlich
begrenztes, wirkliches oder vermeintliches (d.h. nicht notwendig
rechtsgültiges) Rechtsverhältnis, durch das ein vom Recht des
mittelbaren Besitzers abgeleitetes Besitzrecht des unmittelbaren Besitzers
begründet wird. Demnach sind vier Voraussetzungen
notwendig:
- „konkret“
Ein
Rechtsverhältnis ist konkret, wenn es sich um ein eindeutig bestimmtes
Objekt (Spezialitätsgrundsatz) mit einem eindeutig bestimmten Inhalt
(insbesondere Rechte und Pflichten, Publizitätsgrundsatz) handelt.
Unzulässig ist ein abstraktes Besitzkonstitut, wie es z.B. durch einen
nachträglicher Eigentumsvorbehalt begründet würde (vgl. BGH NJW
53, 217, wo nach einer unbedingten Übereignung eines Autos nicht
nachträglich ein Eigentumsvorbehalt vereinbart werden konnte, ohne
daß das Auto zuerst an den ursprünglichen Eigentümer
zurückübereignet wurde).
- „zeitlich
begrenzt“
Die zeitliche Begrenzung
der Stellung des unmittelbaren Besitzers ergibt sich aus dem Wortlaut des
§§868. Dies bedeutet, daß der mittelbare Besitzer gegen den
Besitzmittler einen Herausgabeanspruch haben muß. Dabei kann es sich um
einen vertraglichen oder gesetzlichen Herausgabeanspruch handelt. Der Anspruch
muß auch noch nicht fällig sein, sondern kann befristet (z.B. Miete),
bedingt oder von der Ausübung eines Gestaltungsrechts abhängig (z.B.
Eigentumsvorbehalt) sein.
- „wirklich oder vermeintlich" (arg.
§§870)
Nicht erforderlich ist,
daß das Rechtsverhältnis zwischen dem unmittelbaren und dem
mittelbaren Besitzer rechtsgültig ist. Es wird als ausreichend angesehen,
daß der Besitzmittler den unmittelbaren Besitzer subjektiv als
„Oberbesitzer“ anerkennt und für diesen den Besitz ausüben
will.
- „Ableitung"
Der
unmittelbare Besitzer muß seinen Besitz aus der Rechtsstellung des
mittelbaren Besitzers ableiten, d.h. zwischen dem unmittelbaren und dem
mittelbaren Besitzer muß ein rechtliches
Über-Unterordnungsverhältnis vorhanden sein, beruhend auf
„Forderung und Verpflichtung" (aber ohne Weisungsbefugnis). Möglich
sind auch mehrere Besitzmittlungsverhältnisse, die aufeinander aufbauen
(vgl. §§871).
5. Alleinbesitz und Mitbesitz (§§§865, 866)
Beim Alleinbesitz ist die tatsächliche
Sachherrschaft so ausgestaltet, daß der Besitzer alle anderen Personen
ausschließt bzw. durch andere in seiner Besitzerstellung nicht
beschränkt ist (z.B. Mieter eines Hauses). Der Alleinbesitz ist auch an
abgrenzbaren Sachteilen möglich (sog. Teilbesitz, §§865), soweit
eine gesonderte räumliche Herrschaft neben der Herrschaft eines anderen an
der Sache möglich ist (z.B. Mieter einer Wohnung).
Kein Alleinbesitz ist dagegen der Mitbesitz
(§§866). Dieser erfordert, daß mehrere Personen eine Sache in
der Weise besitzen, daß jeder die ganze Sache besitzt und dabei durch den
gleichen Besitz der anderen beschränkt ist (z.B. gemeinsame Waschküche
in einem Mietshaus). Zu unterscheiden ist hier das Verhältnis der
Mitbesitzer untereinander und das Verhältnis nach außen. Dem
Mitbesitzer stehen gegenüber dem andern Mitbesitzer alle Besitzschutzrechte
(auch §§859) zu, sofern er vom Gebrauch ganz ausgeschlossen wird,
nicht jedoch wenn es um die Grenzen des Gebrauchs geht (z.B. kann sich der
Vermieter nicht auf seinen Mitbesitz an der Mietwohnung berufen, um in diese
gegen den Willen des Mieters einzudringen). Im Verhältnis nach außen
stehen jedem Mitbesitzer die Besitzschutzrechte zu.
6. Eigenbesitz und Fremdbesitz (§§872)
Entscheidend ist nicht die Eigentümerstellung,
sondern die Richtung des Besitzwillens. Eigenbesitzer ist also, wer die
tatsächliche Gewalt über die Sache mit dem Willen ausübt, sie wie
eine ihm gehörende zu beherrschen. Der Fall des Fremdbesitzers ist nicht im
Gesetz geregelt, ergibt sich aber aus §§872 (z.B. ist der
Besitzmittler im Rahmen eines Besitzmittlungsverhältnisses
Fremdbesitzer).
II. Erwerb und Verlust des Besitzes
1. Erwerb des unmittelbaren Besitzes (§§§854, 857)
Für den Erwerb des unmittelbaren Besitzes an einer
Sache gibt es drei Möglichkeiten:
- Der unmittelbare Besitz einer Sache wird gem.
§§854 Abs.1 durch die Erlangung der tatsächlichen Gewalt
über die Sache erworben. Voraussetzung ist also die Erlangung der
tatsächlichen Gewalt und ein genereller Besitzbegründungswille
(s.o.).
- Gem. §§854 Abs.2 genügt zum Erwerb die
Einigung des bisherigen Besitzers und des Erwerbers, wenn der Erwerber in der
Lage ist, die Gewalt über die Sache auszuüben, d.h. der Erwerber
muß ohne weitere Gestattungshandlung des bisherigen Besitzers den
erlangten Besitz auch ausüben können.
- Eine Sonderform des Besitzerwerbs ist die
Besitzvererbung. Gem. §§857 geht der Besitz auf den Erben über.
Dabei handelt es sich um eine gesetzliche Fiktion, die unabhängig davon
gilt, ob der Erbe überhaupt in der Lage ist, die tatsächliche
Sachherrschaft auszuüben. Dies bewirkt einen verbesserten Schutz des Erben
(Besitzschutzansprüche, Möglichkeit des Abhandenkommens sogar ohne
Kenntnis vom Erbfall).
2. Verlust des unmittelbaren Besitzes (§§856)
Für den Verlust des unmittelbaren Besitzes an einer
Sache gibt es zwei Möglichkeiten:
- Der Besitz wird gem. §§856 Abs.1 Alt.1 dadurch
beendigt, daß der Besitzer die tatsächliche Gewalt über die
Sache aufgibt. Voraussetzung dazu ist die Aufgabe der tatsächlichen
Sachherrschaft mit dem entsprechenden Besitzaufgabewillen. Die Aufgabe muß
aber auf Dauer angelegt sein (§§856§Abs.2). Erfolgt die
Besitzaufgabe ohne die Übergabe an einen anderen, so wird die Sache
besitzlos.
- Der Besitzverlust „in anderer Weise“
(§§856 Abs.1 Alt.2) erfolgt unfreiwillig, sei es, daß der Besitz
durch einen anderen entzogen wird oder der Besitzer die Gewalt über die
Sache unbewußt verliert. Bei unfreiwilligem Verlust ist die Sache
„abhanden gekommen“ iSv.
§§935.
3. Erwerb des mittelbaren Besitzes
Für den Erwerb des mittelbaren Besitzes an einer
Sache gibt es drei Möglichkeiten:
- Zum einen kann der unmittelbare Besitz vom bisherigen
unmittelbaren Besitzer auf einen neuen unmittelbaren Besitzer im Rahmen eines
Besitzmittlungsverhältnisses (z.B. Miete oder Leihe) übertragen
werden. Der bisheriger Besitzer wird mittelbarer Besitzer.
- Die zweite Möglichkeit ist, daß der bisherige
unmittelbare Besitzer den unmittelbaren Besitz unter Vereinbarung eines
Besitzmittlungsverhältnisses mit einem anderen behält (z.B.
Sicherungsübereignung). Der bisherige Besitzer bleibt unmittelbarer
Besitzer, der andere wird mittelbarer Besitzer.
- Schließlich kann der mittelbare Besitz auch dann
begründet werden, wenn noch keiner der Beteiligten unmittelbaren Besitz
hat. Dazu müssen beide für den Fall der zukünftigen Erlangung des
unmittelbaren Besitzes eines Beteiligten ein „antezipiertes
Besitzkonstitut“ vereinbaren, d.h. der zukünftig unmittelbare
Besitzer vermittelt durch ein Besitzmittlungsverhältnis dem anderen den
mittelbaren Besitz. Beispiele für ein solches „antezipiertes
Besitzkonstitut“ sind:
- Übereignung des
Leasinggutes vom Hersteller auf den Leasinggeber durch Auslieferung an den
Leasingnehmer (antezipiertes Besitzkonstitut zwischen Leasinggeber und
Leasingnehmer)
- Sicherungsübereignung von
Warenlagern mit wechselndem Bestand (antezipiertes Besitzkonstitut hinsichtlich
der später hinzukommenden Waren)
- Automatische
Weiterübereignung einer auftragsgemäß erworbenen Sache vom
mittelbaren Stellvertreter auf den Auftraggeber mittels dinglicher Einigung und
Vereinbarung eines Besitzmittlungsverhältnisses durch erlaubtes
Insichgeschäft (Stellvertreter handelt in eigenem und fremdem Namen
gleichzeitig). Hier vereinbaren Stellvertreter und Auftraggeber gem.
§§662 schon im voraus, daß die Sachen, die der Vertreter
für den Auftraggeber erwirbt, automatisch nach §§§929, 930
iVm. 868 in dessen Eigentum übergehen sollen, während der
Stellvertreter für ihn (z.B. als Verwahrer) den Besitz ausübt. Der
Auftraggeber wird mittelbarer Besitzer, sobald der Beauftragte unmittelbaren
Besitz erlangt.
4. Verlust des mittelbaren Besitzes
Für den Verlust des mittelbaren Besitzes gibt es
drei Möglichkeiten:
- Der Besitzmittler verliert den Besitz. Bei bloßem
Verlust des unmittelbaren Besitzes unter Begründung eines
Besitzmittlungsverhältnisses mit einem Dritten bleibt der bisherige
mittelbarer Besitzer dies auch weiterhin (§§871).
- Das Besitzmittlungsverhältnis und der aus dem
Rechtsverhältnis herrührende Herausgabeanspruch erlöschen. Die
bloße Beendigung des Besitzmittlungsverhältnisses reicht nicht aus
(z.B. bleibt der Vermieter auch nach Ablauf der Mietzeit mittelbarer
Besitzer).
- Der Besitzmittler löst sich einseitig vom
Besitzmittlungswillen (z.B. durch Verkauf der Sache an einen Dritten). Dieser
„Gesinnungswandel“ muß aber, um relevant zu sein, irgendwie
nach außen hin (nicht notwendig gegenüber dem mittelbaren Besitzer)
deutlich werden.
III. Besitzschutz
Der Besitz wird durch das Gesetz auf verschiedene Weisen
gegen Eingriffe geschützt:
- sog. Gewaltrecht des
unmittelbaren Besitzers (§§§858-860)
- possessorische
Besitzschutzansprüche (§§§861-864)
- petitorische
Besitzschutzansprüche (§§1007)
- Besitzschutz nach den
allgemeinen Vorschriften (§§§812, 823)
- Negatorischer Unterlassungs-
und Beseitigungsanspruch (§§§1004 ana, 823
Abs.1)
1. Gewaltrecht des unmittelbaren Besitzers (§§859)
Das in §§859 geregelte Gewaltrecht des
unmittelbaren Besitzers (auch des Besitzdieners nach §§860) besteht
aus zwei Teilen: Der Besitzwehr (§§895 Abs.1) und der Besitzkehr
(§§859 Abs.2 und 3). Die Besitzwehr ist eine besondere Form der
Notwehr (§§227) und damit ein Rechtfertigungsgrund; die Besitzkehr ist
ein spezieller Fall der Selbsthilfe (§§229). Voraussetzungen für
das Gewaltrecht des unmittelbaren Besitzers sind:
- Es muß verbotene Eigenmacht iSd. §§858
Abs.1 vorliegen. Unter Verbotener Eigenmacht versteht man die Entziehung oder
Störung des Besitzes ohne den Willen des unmittelbaren Besitzers ohne
Rechtfertigung durch das Gesetz.
- Eine Entziehung liegt dann
vor, wenn die Ausübung des Besitzes unmöglich wird; eine Störung
in allen übrigen Fällen, in denen der Besitzer in seiner Freiheit, mit
der Sache zu verfahren, beeinträchtigt wird.
- Die Störung muß
ohne den Willen des unmittelbaren Besitzers stattfinden, wobei es auf den
generellen Besitzwillen des unmittelbaren Besitzers ankommt. Bei Mitbesitz
genügt es, wenn nur ein Mitbesitzer mit der Besitzentziehung oder
-störung einverstanden war, um die verbotene Eigenmacht
ausschließen.
- Die Störung darf nicht
durch das Gesetz gerechtfertigt sein, wobei eine Rechtfertigung nur
ausnahmsweise in Betracht kommt.
- Es muß eine der Voraussetzungen des §§859
vorliegen.
- Die Störung muß
gegenwärtig sein (§§859 Abs.1), d.h. noch andauern.
Grundsätzlich ist das Recht zur Besitzwehr unbeschränkt. Jedoch
muß sich der Besitzer auf die gebotene Handlung beschränken. Wenn die
Gewaltanwendung völlig außer Verhältnis zur verbotenen
Eigenmacht steht, hat sie zu unterbleiben.
- Bei beweglichen Sachen
muß der Besitzer den Störer auf frischer Tat betreffen
(§§859 Abs.2), d.h. im unmittelbaren Anschluß an die Wegnahme
und auch noch nach unmittelbar angeschlossener Verfolgung (sog.
Nacheile).
- Bei unbeweglichen Sachen
muß sich der Besitzer sofort nach der Entziehung des Besitzes
bemächtigen (§§859 Abs.3), d.h. nicht unverzüglich, sondern
„so schnell wie möglich“. Dies wird nach objektiven
Maßstäben gemessen, so daß es auf die Kenntnis des Besitzers
von der Entziehung nicht ankommt.
- Strittig ist, ob die Gewaltrechte des §§859
auch dem mittelbaren Besitzer (z.B. Vermieter) zustehen. Der Wortlaut des
§§869 spricht dagegen, denn er räumt dem mittelbaren Besitzer
(nur) die Rechte aus §§§861, 862 ein. Die h.M. wendet
§§859 aber auch auf dem mittelbaren Besitzer an, wenn ein Dritter dem
unmittelbaren Besitzer gegenüber verbotene Eigenmacht begeht, um so einen
lückenlosen Besitzschutz zu
gewährleisten.
2. possessorische Besitzschutzansprüche (§§§861, 862)
Das Gesetz stellt dem Besitzer zwei Ansprüche zur
Verfügung, die er auch vor Gericht erzwingen kann: der
Besitzentziehungsanspruch nach §§861 und der
Besitzstörungsanspruch nach §§862 (Beachte: §§§861
und 862 sind eigenständige Anspruchsgrundlagen!). Voraussetzungen für
die Ansprüche aus §§§861, 862 sind:
- Früherer Besitz des
Klägers
Anspruchsberechtigt ist der
bisherige unmittelbare Besitzer. Nach §§869 genügt es aber auch,
wenn der Kläger früher mittelbarer Besitzer war; dann richtet sich der
Anspruch auf Herausgabe an den Besitzmittler
(§§869§S.2).
- Entziehung (§§861) oder Störung
(§§862) des Besitzes durch verbotene Eigenmacht (s.o.), wobei die
Störung bereits abgeschlossen sein muß.
- Fehlerhaftigkeit des Besitzes des
Beklagten
Anspruchsgegner ist der
gegenwärtige fehlerhafte Besitzer. Fehlerhafter Besitzer ist derjenige, der
die verbotene Eigenmacht verübt hat (§§858 Abs.2 S.1) sowie
dessen Rechtsnachfolger, wenn dieser beim Besitzerwerb die Fehlerhaftigkeit des
Besitzes positiv kennt (§§858 Abs.2 S.2). Einwendungen des Entziehers
oder Störers, die sich auf ein Recht zum Besitz stützen, sind nach
§§863 grundsätzlich ausgeschlossen. Ein Recht zum Besitz kann aus
diesem Grund auch nicht über §§242 geltend gemacht
werden.
- Kein Ausschluß oder Erlöschen des
Anspruchs
- Der Anspruch aus
§§861 ist ausgeschlossen, wenn der entzogene Besitz dem
gegenwärtigen Besitzer oder dessen Rechtsvorgänger gegenüber
fehlerhaft war und in dem letzten Jahr vor der Entziehung erlangt worden ist
(§§861§Abs.2). Der Anspruch aus §§862 ist
ausgeschlossen, wenn der Besitzer dem Störer oder dessen
Rechtsvorgänger gegenüber fehlerhaft besitzt und der Besitz in dem
letzten Jahr vor der Störung erlangt worden ist
(§§862§Abs.2).
- Ein nach den
§§§861, 862 begründeter Anspruch erlischt nach
§§864 Abs.1 mit dem Ablauf eines Jahres nach der Verübung der
verbotenen Eigenmacht oder nach §§864 Abs.2 wenn durch
rechtskräftiges Urteil festgestellt wird, daß dem Täter ein
Recht an der Sache zusteht.
3. petitorische Besitzschutzansprüche (§§1007)
§§1007 enthält zwei
Herausgabeansprüche: Zum einen gegen den bösgläubigen
unberechtigten Besitzer (§§1007§Abs.1), zum anderen bei
Abhandenkommen der Sache (§§1007§Abs.2). Beachte:
§§§1007 Abs.1, 2 sind eigenständige Anspruchsgrundlagen, die
nebeneinander bestehen können! Voraussetzungen für die Ansprüche
aus §§1007 Abs.1, 2 sind:
- Früherer Besitz des Klägers (s.o.)
- Besitz des Beklagten
- Bösgläubigkeit des Beklagten hinsichtlich der
fehlenden Berechtigung zum Besitz beim Besitzerwerb (§§1007 Abs.1)
oder Abhandenkommen der Sache beim früheren Besitzer (§§1007
Abs.2 iVm. 935).
- Kein Ausschluß des Anspruchs
- Der Anspruch ist gem.
§§1007 Abs.3 S.1 ausgeschlossen, wenn der frühere Besitzer bei
dem Erwerb des Besitzes nicht in gutem Glauben war oder wenn er den Besitz
aufgegeben hat.
- Der Anspruch ist gem.
§§§1007§Abs.3 S.2 iVm. 986 ausgeschlossen, sofern der
Beklagten dem Kläger gegenüber ein Besitzrecht hat.
- Desweiteren ist der Anspruch
aus §§1007 Abs.2 ausgeschlossen, wenn der Beklagten der
Eigentümer der Sache ist oder die Sache ihm vor der Besitzzeit des
früheren Besitzers abhanden gekommen war (§§1007 Abs.2 S.1
a.E.).
4. Besitzschutz nach den allgemeinen Vorschriften (§§§812,
823)
- Besitzschutz aus ungerechtfertigter Bereicherung
(§§812 Abs.1 S.1 Alt.1 und
2)
Der Besitz kann Gegenstand einer
Leistungskondiktion sein, wenn der eine Teil ihn durch eine Leistung des anderen
Teils ohne rechtfertigenden Grund erlangt hat. Eine Eingriffskondiktion kommt
nach der h.M. nur in Betracht, wenn der Besitz durch ein Recht zum Besitz einen
bestimmten Zuweisungsgehalt gewonnen hat; dem bloßen Sachbesitz kommt
jedoch keine Zuordnungsfunktion zu (vgl. dort).
- Deliktischer Schutz (§§823 Abs.1,
2)
Ob bzw. inwieweit der Besitz als
sonstiges Recht iSv. §§823 Abs.1 geschützt ist, ist strittig. Der
Besitz selbst bezeichnet lediglich ein tatsächliches Verhältnis, dem
grundsätzlich weder ein rechtlicher Zuweisungsgehalt noch eine
Ausschlußfunktion zukommt. Nach der nunmehr wohl h.M. und Rspr. wird
jedenfalls der berechtigte Besitz nach §§823 Abs.1 geschützt. Die
Einschränkung auf den berechtigten Besitzer ergibt sich direkt auf
§§823 Abs.1, wonach sich mit dem Besitz eine Befugnis verbinden
muß, die dem Zuweisungsgehalt des Eigentums vergleichbar ist. Nach Medicus
soll auch der unberechtigte, aber redliche Besitzer nach §§823 Abs.1
geschützt sein, weil dieser seinen Besitz nach §§861 verteidigen
kann und ihm die Nutzungen nach §§993§Abs.1§Hs.2 zugewiesen
sind.
Ein Anspruch aus §§§823 Abs.2, 858
scheidet von vornherein aus, wenn man den Normzweck des §§858 nicht in
der Erhaltung des individuellen Besitzstandes sieht, sondern in der Wahrung des
allgemeinen Rechtsfriedens. Betrachtet man §§858 mit der h.M. als
Schutzgesetz, wird man (systemkonform zu §§823 Abs.1) nur dem
berechtigten Besitzer diesen Anspruch zugestehen (so auch BGH).
5. Negatorischer Unterlassungs- und Beseitigungsanspruch (§§§1004
ana, 823 Abs.1)
Nach §§1004 kann der Betroffene die
Beseitigung und Unterlassung rechtswidriger Beeinträchtigungen seines
Eigentums unabhängig vom Verschulden des Einwirkenden verlangen. Seinem
Wortlaut nach ist er nur auf Beeinträchtigungen des Eigentums anwendbar.
Jedoch bildet §§1004 eine Ergänzung der Deliktshaftung, indem er
den Schutz des Eigentums gegenüber §§823 Abs.1 durch den
Unterlassungsanspruchs vorverlagert bzw. durch den Beseitigungsanspruch
erweitert. Daher wird der Anwendungsbereich auch auf andere deliktisch absolut
geschützte Rechtsgüter erweitert. Dies bedeutet, daß
§§1004 analog über § 823 Abs.1 auf
Besitzschutzansprüche Anwendung findet, d.h. der Betroffene kann sich unter
den Voraussetzungen des §§1004 (vgl. dort) auch gegen
Besitzstörungen wehren.
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