Aspekt 1: Wahlstation im Ausland oder lieber zu Hause verbringen?
Zunächst steht man vor der Entscheidung, ob man die Wahlstation dazu nutzen
sollte, mal (wieder) ins Ausland zu gehen oder ob man doch lieber eine Stelle
in der vertrauten Heimat sucht. Eine Wahlstation im Ausland ist üblicherweise mit mehr Organisation verbunden und kann je nach persönlicher Berufsplanung
ein Gewinn oder eher ein angenehmes Abenteuer sein, das einem Zeit und
Chancen für die Jobsuche nach dem 2. Examen raubt. Es ist daher wichtig, sich Vor-
und Nachteile einer Auslandswahlstation vor Augen zu halten und sich dann
entsprechend zu entscheiden.
Wichtig ist zunächst die persönliche Lebensplanung. Davon abhängig kann
einem die Wahlstation von Nutzen oder aber auch fast bedeutungslos sein. Hat man
vor dem schriftlichen Examen kaum Erfahrung bei einem heimischen Anwalt
gesammelt, kennt man sich in Kanzleiorganisation und -struktur nicht so aus und
will sich aber nach dem 2. Examen selbständig machen, will man die Zeit der
Wahlstation nutzen, um sich in ein bestimmtes (nationales) Rechtsgebiet
einzuarbeiten, sich für eine Anstellung in einer Kanzlei empfehlen oder aber schon
mal nach möglichen Mandanten nach dem Examen schauen, dann wäre eine Wahlstation
im Ausland eher verlorene Zeit. Die Vorteile einer Wahlstation sind die
Sprachkenntnisse, das Kennenlernen eines anderen Landes und einer anderen Kultur
und ein "kosmopolitischer Charme" im Lebenslauf, der vor allem für eine
angestrebte Tätigkeit im grenzüberschreitenden Rechtsverkehr oder internationalen
Organisationen von Bedeutung ist.
Aspekt 2: Auslandswahlstation, aber welches Land?
Das Ausland ist die große weite Welt mit verschiedenen Ländern, Sprachen
und Kulturen. Wenn man sich zu einer Wahlstation im Ausland entscheidet, muss
man sich schließlich überlegen, in welches Land man gehen will. Hierbei muss
man vor allem die Sprachkenntnisse berücksichtigen, da man aus einer
Wahlstation kaum Nutzen ziehen kann, wenn man wegen mangelnder Sprachkenntnisse kaum
etwas mitbekommt und sich nicht richtig verständigen kann. Die jeweilige
Landessprache sollte zumindest soweit beherrscht werden, dass man sich
einigermaßen in Wort und Schrift verständlich machen kann. Es ist davon auszugehen,
dass man im Rahmen einer Auslandswahlstation nicht nur mit dem üblichen
Urlaubsvokabular, sondern gerade mit juristischem Fachvokabular konfrontiert wird.
Mangelnde Sprachkenntnisse können daher leicht zu Frust führen, da man weder in
der Station viel versteht noch mit den Einheimischen viel Kontakt haben kann.
Im Hinblick auf das jeweilige Land muss noch deren Kultur und
Wohlstandsniveau berücksichtigt werden. Andere Länder, andere Sitten. Wenn man sich für ein
Land mit einer gänzlich anderen Kultur wie bei uns entscheidet, dann sollte
man auch deren kulturelle Eigenarten achten. Bei ärmeren Ländern muss man
ferner berücksichtigen, dass der Lebensstandard bei weitem nicht so hoch ist und
man mitunter Abstriche bei den Ansprüchen hinsichtlich des allgemeinen
Lebenskomforts machen muss.
Aspekt 3: Erwerb von Sprachkenntnissen
Mitunter kann es ratsam sein, vor Beginn der Auslandswahlstation
Sprachkenntisse je nach Zeit und Lust aufzufrischen oder zu vertiefen (Eigenstudium,
VHS-Kurse, private Sprachschulen etc.). Während der Auslandswahlstation kann mit
dem jeweiligen Ausbilder unter Umständen auch vereinbart werden, dass er
einer Freistellung für Sprachkurse neben der Wahlstation zustimmt.
Aspekt 4: Auslandswahlstation - aber bei wem?
Die Landesjustizprüfungsgesetze setzen in mehr oder weniger ähnlicher
Formulierung voraus, dass der Ausbilder ein Jurist ist und die Wahlstation einen
juristischen Bezug hat. Vogelbeobachtungsstationen oder österreichische
Berghütten mögen auch ihren Charme haben, aber die Ausbildungsstelle muss eben jenen
juristischen Bezug haben. Als Ausbildungsstellen kommen klassischerweise Kanzleien, Botschaften, Rechtsabteilungen von Unternehmen, internationale oder juristische Organisationen oder juristische Fakultäten ausländischer Universitäten in Betracht.
Aspekt 5: Informationsbeschaffung
Wichtige Quellen der Erleuchtung sind vor allem Erfahrungsberichte
ehemaliger "Wahlstations-Ausländer". Die finden sich vor allem in den juristischen
Zeitschriften, Jura-Portalen wie
Jurawelt oder bei Vereinen wie dem
Bayrischen Referendarverein. Hilfreich sind auch
Deutsch-Ausländische
Juristenvereinigungen oder die Homepages der Organisationen und Behörden, bei denen man die Wahlstation machen möchte.
Aspekt 6: Wie schreibe ich meine Bewerbung?
In den jeweiligen Ländern gibt es unterschiedliche Erwartungen an die Art
und Weise der Bewerbung. Der Bayrische Referendarverein hat ein Heft mit
Musterbewerbungen verschiedener Länder in den jeweiligen Sprachen herausgegeben.
Weitere Informationen gibt es hierzu unter
http://www.refv.de/service-buchtip.php. Wenn man im Bekanntenkreis Muttersprachler oder Leute hat, die sich selbst schon mal auf eine Auslandswahlstation in dem betreffenden Land beworben haben, ist es ganz nützlich, wenn man diese Bekannte zu Hilfe zieht.
Aspekt 7: Zu welchem Zeitpunkt bewerbe ich mich?
Den spätesten Zeitpunkt diktiert einem die jeweilige Landesjustizprüfungsordnung, die einen bestimmten Zeitpunkt als Meldeschluss für die Angabe der
Ausbildungsstelle für die Wahlstation setzt. Darüber hinaus sind jedoch auch die
Formvorschriften für das jeweilige Land, wie etwa ein Visum, zu beachten. Es
empfiehlt sich grundsätzlich möglichst früh mit den Bewerbungen oder zumindest
mit der Informationsbeschaffung zu beginnen. Bei Botschaften oder
Internationalen Organisationen gibt es längere Vorlaufzeiten für die Bewerbung,
kurzfristig dürfte man dort chancenlos sein. Bei kleineren Kanzleien kann es
vorkommen, dass man sich unter Umständen "zu früh" bewirbt, da sie nicht so lange im
Voraus planen. Als Richtzeit würde ich ab Beginn des Referendariats bis zu
einem Jahr vor Beginn der Wahlstation empfehlen, danach könnte es eventuell
schwierig werden.
Aspekt 8: Was muss ich alles beachten?
Wichtig sind vor allem ein Visum (falls erforderlich), ein ausreichender
Versicherungsschutz für das Ausland, Möglichkeiten zum Geldabheben (Scheck- oder
Kreditkarten, Travellerschecks etc.), Fahrschein/Flugticket, Impfungen und
gültiger Reisepass. Beim Ausbilder sollte nachgefragt werden, ob eventuell ein
Kleiderkodex (Anzug und Krawatte etc.) besteht.
Aspekt 9: Wie finde ich eine Wohnung im Ausland?
Erster Ansprechpartner ist der Ausbilder. Teilweise werden Wohnungen zur
Verfügung gestellt oder vermittelt, jedenfalls sollte der Ausbilder Tipps
geben können, wie man in der jeweiligen Stadt am besten zu einer passenden
Wohnung kommt. Vielleicht hat man ja auch Bekannte, die einem weiterhelfen
können.
Aspekt 10: Üben des Aktenvortrags während der Auslandswahlstation
...ist während der Auslandswahlstation etwas umständlicher, aber nicht
unmöglich. Im Handel gibt es einige Bücher, die Aktenvorträge mit Lösungsvorschlag
darstellen, anhand derer man üben kann (z.B. Pagenkopf/Pagenkopf). Man kann
auch seinen AG-Leiter um Rat und Tat fragen, etwa um die Aushändigung alter
Aktenvorträge. Mit einem Gesetzestext (aufgrund des Gewichts empfehlen sich die
Taschenbuchausgaben) kann man dann zu Hause vor dem Spiegel üben. In manchen
Bundesländern, wie etwa Baden-Württemberg, werden die Examenskandidaten
ohnehin etwas früher zurückerwartet, damit der Aktenvortrag in der AG geübt wird.
Aspekt 11: Vorbereitung auf die Wahlfachgruppe im Ausland
Man sollte sich im Hinblick auf das Reisegepäck vorher gut überlegen, welche
Lernmittel man mitnimmt. Die Vorbereitung auf die Wahlfachgruppe sollte aber
kein Hinderungsgrund für den Gang ins Ausland darstellen, denn in der kurzen
Zeit der Wahlstation ist es ohnehin nicht möglich, eine Wahlfachgruppe
komplett neu zu lernen. Insoweit sollte man eine Wahlfachgruppe wählen, in der man
nicht völlig ahnungslos ist. Mit dem Ausbilder sollte man dann gegebenfalls
vereinbaren, in welchem Umfang man für die Vorbereitung auf die mündliche
Prüfung freigestellt wird.
Aspekt 12: Nützliche Anlaufstellen im Ausland
Für diverse Sorgen, Nöte, Anregungen und heimisches Kulturprogramm gibt es
im Ausland verschiedene Anlaufstellen. Eine kleine Auflistung der wichtigsten
Adressen: