Anzeige wegen Verleumdung: Beweise, Verfahren und Strafe

Ob am Arbeitsplatz, auf einer Familienfeier oder in den sozialen Medien. Schon wenige Worte genügen, um die persönliche Ehre einer Person öffentlich zu beschädigen, was für Betroffene weitreichende Folgen haben kann und so zu einem strafrechtlichen Problem wird, das sich Verleumdung (§ 187 StGB) nennt.

Doch was genau bedeutet das juristisch und besonders wichtig: Wie kann ich Verleumdung beweisen? Dazu müssen Beweise, nicht nur für die unwahre Tatsachenbehauptung, sondern auch zu einem möglicherweise entstandenen Schaden gesammelt werden. Auf was zu achten ist, erklärt der Beitrag.

Noch mehr spannende Einblicke in das Strafrecht bieten unsere Beiträge zu den Themen „sexuelle Belästigung“, „Hausdurchsuchung” oder „Stalking“.

I. Was zählt alles unter Verleumdung?

Der Tatbestand der Verleumdung ist gesetzlich klar geregelt und dennoch anspruchsvoll in der Abgrenzung. In § 187 Strafgesetzbuch (StGB) heißt es:

Wer wider besseres Wissen in Beziehung auf einen anderen eine unwahre Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen oder dessen Kredit zu gefährden geeignet ist, wird mit Freiheitsstrafe […] oder mit Geldstrafe […] bestraft. 

Wichtig: Es geht um Tatsachen, also konkrete Geschehnisse oder Zustände der Vergangenheit oder Gegenwart, die dem Beweis zugänglich sind. [1]

Zudem muss der Täter wissen, dass seine Aussage nachweislich falsch ist. Wer dies „nur vermutet“, kann sich unter Umständen nach § 186 StGB (üble Nachrede) strafbar machen, aber nicht nach § 187 StGB, da für diesen „sicheres Wissen im Sinne von dolus directus zweiten Grades“ in Bezug auf die Unwahrheit der Tatsache erforderlich ist. [2]

Achtung: Auch Äußerungen im engsten Familien- oder Vertrautenkreis können zur Strafbarkeit führen. Ein schutzwürdiges Interesse für die Behauptung oder Verbreitung unwahrer ehrverletzender oder kreditgefährdender Tatsachen ist auch im Kreise der Familie oder enger Vertrauter nicht anzuerkennen! [3]

Kriterium Beleidigung
(§ 185 StGB)
Üble Nachrede
(§ 186 StGB)
Verleumdung
(§ 187 StGB)
Die Aussage enthält ein subjektives Werturteil, das die Ehre der betroffenen Person verletzt eine Tatsachenbehauptung, deren Wahrheitsgehalt nicht bewiesen ist eine nachweislich falsche Tatsachenbehauptung
Der Täter kennt den Wahrheitsgehalt nicht, da es sich um eine Meinungsäußerung handelt den Wahrheitsgehalt nicht, äußert die Behauptung aber dennoch die Unwahrheit der Behauptung und verbreitet sie wider besseres Wissen
Der Adressat der Äußerung ist in der Regel die betroffene Person selbst eine dritte Person eine dritte Person
Beispielhafte Aussage „Du bist ein Vollidiot.“ „Ich habe gehört, er bestiehlt seine Kunden.“ „Sie fälscht systematisch Atteste“ – obwohl das nachweislich nicht zutrifft
Gerichtliche Entscheidung mit Quelle OLG Karlsruhe, Urt. v. 23.08.2023 – 1 Rv 17 Ss 244/23
Ein Mann nannte eine Polizistin „Nazi-Schlampe“. Das Gericht wertete dies als strafbare Beleidigung und bestätigte die Geldstrafe.
Quelle: BeckRS 2023, 24299
BGH, Urt. v. 10.01.2023 – 6 StR 207/22
Die Weitergabe eines unbewiesenen Gerüchts über Korruption an eine Zeitung stellte üble Nachrede dar. Der Angeklagte wurde verurteilt.
Quelle: BGHSt 68, 1 = NJW 2023, 1556
LG Hamburg, Urt. v. 14.03.2022 – 324 O 249/21 (Wendler)
Der Sänger verbreitete falsche Tatsachen über Impfnebenwirkungen und unterstellte Medienmanipulation – das Gericht sah dies als Verleumdung.
Quelle: jurisPR-ITR 5/2022 Anm. 3

II. Verleumdung Beispiel: was strafbar ist

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Quiz: strafbare Verleumdung?
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Ein besonders beachteter Fall war der des jüdischen Musikers Gil Ofarim. Er beschuldigte im Oktober 2021 einen Hotelmitarbeiter, der den Sänger aufgefordert haben soll, seine Davidstern-Kette abzunehmen, öffentlich der antisemitischen Diskriminierung. Ein Video, in dem Ofarim den Vorfall schilderte, verbreitete sich rasend schnell im Netz, noch am selben Abend versammelten sich hunderte Menschen vor dem Hotel in Leipzig, um gegen Antisemitismus zu demonstrieren. Vor dem Landgericht Leipzig, vor dem Ofarim sich wegen Verleumdung und falscher Verdächtigung zu verantworten hatte, gestand der 41-Jährige überraschend, gelogen und die Vorwürfe erfunden zu haben. Gegen eine Zahlung von 10.000€ an die Jüdische Gemeinde in Leipzig wurde das Verfahren eingestellt. [4]

III. Wann lohnt sich eine Anzeige wegen Verleumdung?

Wer sich gegen eine gezielte Lüge zur Wehr setzen möchte, kann eine Anzeige wegen Verleumdung bei jeder Polizeidienststelle oder direkt bei der Staatsanwaltschaft stellen.

Wichtig: Es reicht nicht immer eine einfache Anzeige, denn in der Regel ist zusätzlich ein Strafantrag erforderlich, der innerhalb von drei Monaten vom Verletzten selbst gestellt werden muss (§ 194 Abs. 1 Satz 1 StGB), sonst ist das Strafverfahren der Staatsanwaltschaft einzustellen. [5]

Hintergrund: Warum wird Verleumdung nicht immer automatisch verfolgt?

Verleumdung zählt zu den sogenannten Antragsdelikten, bei welchen der Staat nur dann tätig wird, wenn das Opfer die Strafverfolgung ausdrücklich wünscht, wodurch zum einen das Selbstbestimmungsrecht des Verletzten geschützt und zum anderen die Justiz entlastet wird. [6]

Allerdings enthält § 194 StGB eine wichtige Ausnahme, denn liegt ein besonderes öffentliches Interesse vor, etwa bei Verleumdungen in den Medien, kann auch ohne Antrag ermittelt werden.

Was passiert nach einer Anzeige wegen Verleumdung?

Nach der Anzeige nimmt die Polizei die Ermittlungen auf und wird ein Anfangsverdacht festgestellt, leitet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein. In der Praxis folgen dann oft:

  • eine Vorladung zur Beschuldigtenvernehmung,
  • anwaltliche Anträge auf Akteneinsicht,
  • bei hinreichendem Tatverdacht ein Strafbefehl oder eine Anklage

Gut zu wissen: Verteidiger können versuchen, das Verfahren frühzeitig durch einen begründeten Antrag zur Einstellung zu bringen, insbesondere, wenn die Beweislage schwach ist oder das öffentliche Interesse gering.

Lohnt sich eine Anzeige?

Ob sich eine Anzeige wirklich lohnt, muss jeder Betroffene individuell für sich selbst entscheiden. Dafür spricht, dem Täter rechtliche Konsequenzen aufzuzeigen und so mögliche Wiederholungstaten vorzubeugen, gleichzeitig auch andere von ähnlichen Handlungen abzuschrecken. Auch emotional kann die strafrechtliche Verfolgung des Verleumders dem Opfer eine Form der Genugtuung bieten oder im besten Fall die öffentliche Reputation widerherstellen.

Gegen eine Anzeige könnten die Beweisschwierigkeiten, die öffentliche Aufmerksamkeit oder die Möglichkeit einer Einstellung des Verfahrens sprechen. Häufig scheitern Anklagen wegen Verleumdung am fehlenden Nachweis des Vorsatzes oder der Unwahrheit der Tatsache.

Verleumdung
Nach einer Anzeige beginnt die Polizei mit den Ermittlungen.

Ebenfalls interessant: Mit dem sogenannten Deepfake werden im Netz falsche Informationen verbreitet oder gezielt Menschen diffamiert. Wie es um die Strafbarkeit steht und welche Probleme auftreten, zeigt unser Beitrag.

Ein Blick in die Statistik verrät:

Nur wenige der angezeigten Verleumdungsfälle führen in Deutschland zu einer Verurteilung.
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Anzeige wegen Verleumdung tatsächlich zu einer Verurteilung führt, liegt, wenn man rein von den angezeigten Fällen ausgeht, deutlich unter 10 %. Häufig scheitern Verfahren bereits im Ermittlungsverfahren, sodass die Staatsanwaltschaft erst gar keine Anklage erhebt. [7]

Zur gleichen Thematik liefert unser Beitrag: „Lohnt sich eine Anzeige wegen Beleidigung?” eine detaillierte Überblick im Rahmen des § 185 StGB.

IV. Auf dem Zivilrechtsweg: Die Verleumdungsklage

Als Ergänzung zu einer Anzeige, kann das Opfer sich auch auf dem Zivilrechtsweg zu Wehr setzen.

Ein Unterlassungsanspruch besteht bereits dann, wenn eine Verleumdung festgestellt wurde. Der Beklagte kann darüber hinaus verpflichtet werden, die ehrverletzende Behauptung richtigzustellen.

Ein Anspruch auf Schadensersatz setzt voraus, dass dem Kläger infolge der rufschädigenden Äußerung ein konkreter Schaden entstanden ist, etwa durch den Verlust von Kunden oder die Beendigung von Geschäftsbeziehungen.

Ist dies gegeben, können Schadensersatzansprüche in folgender Höhe erwartet werden.

Fallkonstellation Schmerzensgeld
Online-Verleumdung über Social Media LG Koblenz, 9 O 80/20, 14.01.2021 – Falsche Tatsachenbehauptung in Wikipedia-Artikel über Künstler 1.000 – 5.000 €
Falsche Behauptung mit beruflichem Schaden OLG Köln, 15 U 39/20, 26.11.2020 – Unzulässige Verdachtsberichterstattung über Straftat 5.000 – 15.000 €
Breite mediale Verleumdung LG Flensburg, 7 O 140/20, 14.06.2023 – Unwahre Behauptung über Stasi-Zugehörigkeit mit psychischen Folgen bis zu 20.000 €

Mögliche zivilrechtliche Ansprüche: 

V. Wie kann ich Verleumdung beweisen?

Eine strafbare Verleumdung tatsächlich zu beweisen kann sich in der Praxis als äußerst schwierig erweisen, denn die Staatsanwaltschaft muss vor Gericht insbesondere beweisen, dass…

  1. eine unwahre Tatsachenbehauptung über das Opfer geäußert wurde,
  2. der Täter wusste, dass sie nicht stimmt, und
  3. die Aussage rufs- oder kreditgefährdend war.

Besonders schwer ist es dabei nachzuweisen, dass der Täter die Unwahrheit kannte, was häufig nur durch ein Geständnis gelingt. Es gilt selbstverständlichin dubio pro reo, sodass bei Zweifeln allenfalls eine Verurteilung nach § 186 StGB in Betracht kommt. [8]

Wer Schadensersatz auf dem Zivilrechtsweg einklagen möchte, sollte alle (kausal) durch die Verleumdung eingetretenen Schäden genaustens dokumentieren, also zum Beispiel Absagen von Kunden oder Geschäftspartnern, Umsatzeinbußen oder ähnliches mit Belegen festhalten. Hier trägt nun der Kläger die Beweislast.

Hilfreiche Beweismittel können sein:

  • Screenshots (bei Online-Verleumdung),
  • Chatverläufe oder E-Mails,
  • Aussagen von Zeugen,
  • schriftliche Dokumentationen.

VI. Welche Strafe droht?

Die Strafandrohung ist in § 187 StGB wie folgt geregelt:

  • Grundtatbestand: Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren oder Geldstrafe,
  • qualifizierter Fall (öffentlich, auf Versammlungen oder durch Verbreiten eines Inhaltes i.S.d. § 11 Abs. 3 StGB): Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe.

    Öffentliche Äußerungen können auch den Tatbestand des § 130 StGB erfüllen. Zur Frage: „Wann kann man jemanden wegen Volksverhetzung anzeigen?” liefert unser Beitrag einen spannenden Einblick.

    Verleumdung
    Nach einer Anzeige wegen Verleumdung droht eine Verurteilung zu einer Haftstrafe.

    VII. Fazit

    Eine Anzeige wegen Verleumdung kann vor allem bei besonders schweren Ehrverletzungen Sinn ergeben, insbesondere wenn zuvor hinreichend Beweise gesammelt werden konnten oder dies im weiteren Verfahren wahrscheinlich ist.

    In manchen Fällen kann aber auch der Weg über den Zivilrechtsweg das geeignetere Mittel darstellen, vor allem wenn das Opfer einen konkreten, bezifferbaren finanziellen Schaden erlitt.

    Beteiligten auf beiden Seiten, Beschuldigten und Opfern, ist dabei zu raten, sich möglichst früh Hilfe durch einen Anwalt zu suchen, um gemeinsam den erfolgreichsten Weg zu wählen.

    VIII. FAQ: die wichtigsten Fragen

    Ja, eine Anzeige wegen Verleumdung kann bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft erstattet werden. In der Regel ist zusätzlich ein Strafantrag nach § 194 Abs. 1 StGB nötig.

    Die Polizei ermittelt, bei hinreichendem Tatverdacht entscheidet die Staatsanwaltschaft über Anklage oder Einstellung. Möglich sind Strafbefehl, Hauptverhandlung oder Verfahrenseinstellung.

    Durch Dokumente, Screenshots, Zeugenaussagen oder andere Nachweise der unwahren Behauptung. Besonders der Nachweis, dass der Täter die Unwahrheit kannte ist schwer zu erbringen.

    Bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe, bei öffentlicher Verleumdung bis zu fünf Jahre (§ 187 StGB). Zusätzlich sind zivilrechtliche Ansprüche möglich.

    [1] vgl. BVerfG 12.11.2002 – 1 BvR 232/97

    [2] vgl. MüKoStGB/Regge/Pegel, 4. Aufl. 2021, StGB § 187 Rn. 10

    [3] vgl. MüKoStGB/Regge/Pegel, 4. Aufl. 2021, StGB § 187 Rn. 17.

    [4] vgl. https://www.ndr.de/kultur/Verfahren-gegen-Gil-Ofarim-eingestellt-Musiker-gesteht-Verleumdung,ofarim146.html und https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/lg-leipzig-6kls607js5688421-gil-ofarim-prozess-beginnt-november-antisemitismus-verleumdung-falsche-verdaechtigung-hotel

    [5] vgl. TK StGB/Eisele/Schittenhelm, 31. Aufl. 2025, StGB § 194 Rn. 2.

    [6] zur Funktion von Antragsdelikten: TK StGB/Bosch, 31. Aufl. 2025, StGB § 77 Rn. 5.

    [7] Die Schätzung basiert auf einem Abgleich der Fälle von Verleumdung aus der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2023, abrufbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2023/pks2023_node.html und der Anzahl der Verurteilungen aus dem Strafverfolgungsbericht von 2023, unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Staat/Justiz-Rechtspflege/Publikationen/Downloads-Strafverfolgung-Strafvollzug/statistischer-bericht-strafverfolgung-2100300237005.html?utm_source=chatgpt.com

    [8] vgl. MüKoStGB/Regge/Pegel, 5. Aufl. 2025, StGB § 187 Rn. 8.

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    • Student der Rechtswissenschaften an der Universität Augsburg
    • Schwerpunktbereich: Kriminalwissenschaften
    • Auslandsaufenthalt am Chicago-Kent College of Law (USA)

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